Tag 24 – Deine Lieblingsfigur aus einem Musical?

Ich hatte eigentlich vor, nicht mehr so viel zu jammern, aber… das ist immer alles so schwer! Entscheidungen sind so gar nicht meine Stärke, ich hasse es, mich festzulegen. Aber ich merke, beim Meckern springen mich die Ideen an. So auch jetzt. Meine Lieblingsfigur ist Rogier aus Petticoat. Diese Rolle ist so schön gezeichnet, so einfühlsam und nah am Leben. Rogier wird nämlich nicht mit allen Klischees eines Schwulen ausgestattet, er ist einfach nur ein netter junger Mann, der andere Männer liebt.

Tag 3 – Welches Musical hat dich zuletzt stark beeindruckt?

Das ist schwer. Musicals beeindrucken mich eigentlich immer, deshalb liebe ich sie ja so sehr. Verschiedene Musicals beeindrucken vorallem auch auf verschiedene Weise. Während das eine durch die Geschichte beeindruckt, beeindruckt das andere vielleicht durch die Ausstattung, das nächste über die Musik und wieder ein anderes beeindruckt vor Absurdität. Wenn ich „zuletzt“ grob als „im letzten halben Jahr“ auslege, komme ich immer noch auf vier Stücke, die ich nennen möchte.

tick, tick… BOOM! in Datteln – ein Stück mit nur drei Darstellern, wunderschöner Musik und interessanter Geschichte. Besonders beeindruckt haben mich in diesem Fall die Präsenz der Darsteller und wie es mit wenig Requisite/Kulisse möglich ist, so viel zu zeigen.

Petticoat in ’s-Hertogenbosch – musikalisch und optisch auf gute Laune gemacht, aber die Story ist tiefgründiger als man erwartet. Die tiefe der Geschichte war schon das erste, was mich beeindruckt hat. Aber das Beeindruckendste war für mich, wie die liebevoll und einfühlsam die Rolle des schwulen Rogier gezeichnet wurde.

Rocky Horror Show Tour – absolut skurril und musikalisch genau mein Ding. Hier hat mich vorallem das hohe Niveau der Darsteller beeindruckt. Und die Interaktivität des Publikums, das war ziemlich irre und überraschend.

Tarzan in Hamburg – schöne Musik, geniale Show. Tarzan lebt für mich ganz klar von der Akrobatik. Was die Darsteller dort leisten müssen, ist unglaublich.

Petticoat – 15.05.2011, ’s-Hertogenbosch

In letzter Zeit verbringe ich ja immer etappenweise mein Leben auf der Autobahn. Nachdem ich samstags erst von meinen Eltern zurück kam, ging es Sonntagmittag schon wieder los in die Niederlande. Ein paar Verirrungen in Venlo später, waren wir auch schon in ’s-Hertogenbosch angekommen. Während wir dort das Theater suchten, fing es natürlich erstmal derbe zu regnen an…

An der Abendkasse holten wir dann – mit Händen und Füßen kommunizierend und mit meiner Buchungsmail winkend – unsere Karten ab. Die Dame war sehr freundlich und versuchte sogar Deutsch mit uns zu sprechen. Sie war überrascht, aber freute sich, dass wir nur für Petticoat aus Deutschland kamen und wünschte uns noch viel Spaß. Im Städtchen wollten wir dann noch was essen, aber die Lokalitäten sahen entweder viel zu teuer aus, waren überfüllt oder gleich beides. Also gingen wir wieder zurück ins Theater, wo es kleine Snacks gab. Die waren genau richtig.

Dann war es auch schon Zeit in den Saal zu gehen. Ich saß in Reihe 9 und hatte von dort schon einen erhöhten Blick auf die Bühne. Der Platz hat mir sehr gut gefallen. Nicht direkt bei den Darstellern auf dem Schoß, aber noch nah genug am Geschehen dran. Und endlich fing die Vorstellung an. Petticoat wollte ich unbedingt sehen, weil ich ja bekanntlich die 50er/60er-Musik sehr mag, und seitdem klar war, dass ich es hinschaffen würde, fieberte ich dem Tag entgegen. Von der Story wusste ich nicht mehr als „Mädchen vom Dorf geht nach Amsterdam und will berühmte Sängerin werden“. Klingt erstmal ziemlich platt, aber mir ging es ja auch vordergründig um die Musik und die Zeit. Letztendlich steckte in der Story aber noch viel mehr und ich wurde wirklich mehr als positiv überrascht.

An diesem Abend standen relativ viele Cover auf der Bühne, was man der Vorstellung aber nicht angemerkt hat. In der Rolle der Pattie hatte ich so ein kleines Wiedersehen mit meiner Betje, Manon Novak. Sie hat eine sehr schöne, angenehme Stimme und ich habe ihr gerne zugehört. Aber noch viel mehr begeistert haben mich ihr Spiel und besonders das Comedy-Timing. Sie hat einfach durch zahlreiche Kleinigkeiten der Pattie Leben verliehen und sie glaubhaft dargestellt.
Willem
, der ältere Sohn einer wohlhabenden Familie aus Amsterdam, wurde von Mike Weerts gespielt. Am Anfang habe ich Willem so sehr bemitleidet, dass ich ihn zwar, als er später das Arschloch hat raushängen lassen, schütteln und ohrfeigen wollte, ihn aber nicht richtig hassen konnte. Mike ist also eine sehr gute Darstellung gelungen, da ich für seine Rolle positive wie negative Gefühle gleichermaßen empfinden konnte.
Willems gutherzigen Bruder Rogier spielte Freek Bartels. FREEK! Also erstmal muss ich sagen, dass Rogier eine wunderschöne Rolle ist. Rogier liest Pattie an ihrem ersten Abend auf und wird ihr bester Freund, Rogier ist schwul. Er wird aber nicht – wie leider so oft – überspitzt als Witzfigur gezeichnet, sondern ist ein ganz normaler junger Mann, der nur einfach nicht auf Frauen steht. Danke! Ja und Freeks Leistung, es ist Freek. Da saß jeder Ton, die Mimik natürlich und er kann sogar tanzen.
Roon Staal
spielte den Peter. Peter ist Patties Freund aus ihrem Heimatdorf und er schreibt ihr die Lieder. Der war ja so süß und Pattie hat ihn erst gar nicht wirklich wahrgenommen. Zwischendurch dachte ich, wenn Pattie mit Willem glücklich wird, ist Peter vielleicht was für Rogier. Aber dann wurde Willem ja zum Arsch und Peter stand trotz allem seiner Pattie bei, schade für Rogier. Roon war jedenfalls total zum Knuddeln und ich hätte seinen Peter an Patties Stelle einfach direkt nach Amsterdam mitgenommen.
Zuletzt möchte ich noch Rosalie de Jong hervorheben, die mit Wilma zwar eine relativ kleine Nebenrolle spielte, damit aber für viele Lacher gesorgt hat. Wilma ist eine sehr extrovertierte Künstlerin, die auch gerne Frontsängerin werden würde. Sie versucht immer wieder von ihrem Talent zu überzeugen, aber kriegt den Job einfach nicht. Rosalie hat so herrlich gespielt. Zu „Op zoek naar Mary Poppins“-Zeiten war mir gar nicht aufgefallen, wie unglaublich lustig sie sein kann.

Petticoat war auf jeden Fall die kleine Reise wert, es ist bunt und witzig, aber auch tiefsinnig und schön. Ein perfektes Musical!