#ZiemlichbesteAssistenz Challenge

Seit einigen Tagen läuft auf Facebook und ein bisschen auch auf Twitter die #ZiemlichbesteAssistenz Challenge. Eine Challenge, bei der Menschen mit Behinderung in kurzen Videos zeigen, warum für sie die Assistenz so wichtig ist.

#‎ZiemlichbesteAssistenz‬ Challenge!
Menschen mit Behinderung brauchen persönliche Assistenz, um selbstbestimmt leben zu können. Aktuell wird ein Gesetz verhandelt, bei dem sich Verschlechterungen für die Assistenz abzeichnen. Mit dieser Challenge möchten wir zeigen, wie wichtig Assistenz für uns ist und wieviele Jobs an diesem Thema hängen. Deswegen: Mach ein kurzes Video (Max. 15 Sekunden), in dem Du zeigst, was Du nur mit Assistenz tun kannst. Danach nominierst Du 5 weitere Personen mit Assistenzbedarf oder Personen, die als Assistenten arbeiten. Wenn Du AssistentIn bist, machst Du ein Video, das zeigt, was der Job für Dich bedeutet.
‪#‎mitAssistenz‬

Der Umgang mit dem Thema ist unheimlich kreativ und es sind schon sehr viele tolle Videos entstanden. Auch ich habe mich natürlich schon beteiligt. In meinem Video geht es darum, dass mir viele meiner Musical-Abenteuer nur möglich waren, da ich mit Assistenz lebe. Doch hört Assistenz damit noch lange nicht auf, sie ermöglicht mir in allen Lebensbereichen ein komplett selbstbestimmtes Leben. Aber was ist ein selbstbestimmtes Leben eigentlich?

Nun, spielen wir doch einfach mal einen ganz normalen Tag durch. Die erste Entscheidung des Tages lautet: wann möchte ich aufstehen? Durch meine persönliche Assistenz bin ich an Wochenenden völlig frei in der Entscheidung. Unter der Woche muss ich natürlich meinen Arbeitsplatz pünktlich erreichen, durch die Gleitzeit habe ich aber auch da einen gewissen Spielraum. Hätte ich keine Assistenz oder müsste mir diese mit anderen Assistenznehmern teilen, wie es das neue Gesetz vorsehen könnte, wäre die Entscheidung daran gebunden, wann jemand Zeit dafür hat, mich aus dem Bett zu holen. Das kann bedeuten, dass ich an Wochenenden sehr früh aufstehen müsste oder dass ich unter der Woche erst so spät an der Reihe bin, dass ich nicht rechtzeitig zu meiner Arbeit komme.

Als nächstes steht in der Woche der Weg zur Arbeit an. Da meine Assistentinnen mich mit meinem Auto zur Arbeit fahren, wäre ich ohne Assistenz auf einen Fahrdienst angewiesen. Ein Fahrdienst ist wiederum ein erheblicher Einschnitt in meine Spontaneität, denn die Fahrten werden im Voraus geplant. Ich könnte also nicht mal etwas länger arbeiten, weil gerade viel los ist oder Kollegen vertreten werden müssen. Auch könnte ich nicht meine Gleitzeit ausnutzen und früher Feierabend machen oder eher gehen, wenn ich mich krank und nicht gut fühle.

Auf der Arbeit geht der Einsatz der Assistenz weiter. Die Assistentin muss mich „einstempeln“ und mit dem Aufzug zu meinem Büro fahren. Ohne Assistenz wäre ich darauf angewiesen, dass gerade im richtigen Moment hilfsbereite Kollegen vorbei kommen. Diese Abhängigkeit von den Kollegen würde sich durch den ganzen Tag ziehen: Türen öffnen, Computer einschalten, Büro lüften, Blätter aus dem Drucker holen etc. Da ich während der Arbeit auch mal zur Toilette muss, würde hierfür eine Pflegeperson kommen. Die kommt jedoch nicht genau dann, wenn ich gerade muss, sondern zu der Zeit, wo der Einsatz bei mir schon viele Tage bis Wochen im Voraus geplant worden ist.

In meiner Freizeit, sei es nun nach der Arbeit oder an freien Tagen, kann ich ebenfalls nur mit persönlicher Assistenz selbstbestimmt leben. Möchte ich heute frisch kochen? Muss ich dafür noch einkaufen? Mit Assistenz kann ich einkaufen und kochen, wann und worauf ich gerade Lust habe. Ich bin nicht davon abhängig, wann jemand Zeit hat, mich beim Einkaufen zu begleiten und für mich zu kochen. Außerdem kann ich mich mit Assistenz spontan mit Freunden verabreden, denn es ist sofort jemand da, um mich für das Treffen fertig zu machen und zum Treffpunkt zu bringen. Ohne Assistenz müssten meine Freunde immer zu mir kommen und mich abholen. Und viele meiner Reisen wären ohne Assistenz überhaupt nicht möglich.

Am Ende des Tages stellt sich noch eine allerletzte Frage: wann möchte ich schlafen? Mit Assistenz liegt die Entscheidung ganz bei mir. Gehe ich erst ins Bett, wenn ich müde bin, oder schon dann, wenn es „vernünftig“ wäre, da ich am nächsten Tag früh raus muss? Vielleicht habe ich auch gerade ein interessantes Video gefunden, das ich noch zu Ende anschauen möchte. Ohne Assistenz wäre es hier wie morgens beim Aufstehen, ich müsste mich nach den Zeiten richten, die für mich vorgesehen sind. Ich muss also schon ins Bett, obwohl ich gerade einen spannenden Film gucke. Oder ich muss hundemüde durchhalten, bis endlich jemand da ist, um mich bettfertig zu machen.

Nachts lasse ich mich in unregelmäßigen Abständen drehen. Ich werde wach, es zwickt mich irgendwo, ich gebe der Assistentin Bescheid und sie lagert mich um. Ohne Assistenz gibt es Lagern nur nach Zeitplan. Ob ich dann gerade fest schlafe oder mich schon seit längerem etwas drückt, kann dabei nicht berücksichtigt werden.

Ohne Assistenz würde ich bei Freunden und Kollegen zum Bittsteller. Ohne Assistenz wäre ich immer an vorgegebene Zeiten gebunden. Ohne Assistenz wäre das Leben weniger bunt.

Nur individuelle, persönliche Assistenz ermöglicht eine gleichberechtigte, selbstbestimmte Teilhabe!