„Doppelt anders sein“ – Gastbeitrag von Zoë Bakker

Zoë Bakker, eine Freundin von mir, hat gerade auf ihrem Blog „Lazy Legs Diary“ einen sehr schönen Artikel über „Doppelt Anders Sein“ veröffentlicht. Da ich finde, dass der Text eine starke Message trägt und vielen helfen kann, habe ich sie gefragt, ob ich ihn übersetzen und mit euch teilen darf. Netterweise hat Zoë mir das erlaubt und ich möchte gar nicht weiter schwafeln, sondern den Text für sich selbst sprechen lassen:

Ich finde es sehr spannend, diesen Blog zu veröffentlichen, weil er sehr persönlich ist. Meine bisherigen Blogs gingen natürlich auch über mich und mein Leben, aber dieser fühlt sich an, als ob ich mich nackt mache, haha!

Dieser Blog gibt einen Einblick in einen jahrelangen Kampf mit mir selbst. Warum ich diesen Blog schreibe, fragst du dich jetzt vielleicht? Ich sehe es ein bisschen als eine Verarbeitung, als Abschluss einer Phase, und wenn ich auch nur einer Person damit in irgendeiner Weise helfen kann, ist mir das sehr viel wert.

Schon im sehr jungen Alter war ich mir der Tatsache bewusst, dass ich im Rollstuhl saß und dass mich Menschen in meiner Umgebung deshalb als „anders“ betrachteten. Wer war das verträumte, schüchterne, ruhige Mädchen in dem seltsamen Karren, sollen die Leute wohl oft gedacht haben.

Durch meinen Gedanken, dass ich anders war, hatte ich früh das Gefühl, dass ich mich beweisen muss. Ich fühlte mich immer, als ob ich mir ein Bein ausreißen müsste, als ob ich gerade ein bisschen mehr als mein bestes tun müsste und dann konnte ich doch immer noch nicht mithalten.

Ich war oft über mich enttäuscht und mit der Enttäuschung bestätigte ich meine eigenen Gefühle, dass ich in der Tat „anders“ war. Ein gesundes Kind könnte doch all diese Dinge tun (zum Beispiel im Sandkasten oder bei Freundinnen Zuhause spielen, mit Freunden schwimmen gehen) und mein seltsamer Körper ließ mich immer wieder im Stich.

Viele Jahre hat mich das Gefühl, durch meine Behinderung anders zu sein und nicht dazu zu gehören, nicht losgelassen. Ich konnte meine Behinderung nicht überwinden und dachte, dass jeder mich durch die Behinderung seltsam fand. Ich konnte nicht wirklich damit umgehen.

Das Gefühl wurde intensiver, als ich in meiner Jugend herausfand, dass ich wahrscheinlich auf Frauen stehe. Im Rollstuhl sitzen und sich zu Frauen hingezogen fühlen? Das konnte einfach nicht wahr sein? In meinen Augen war das zu dieser Zeit das Schlimmste, das Schrecklichste, was mir passieren konnte. Wie viel Pech konnte ich haben? Mit dem sche*ß Rollstuhl schien es mir eh schon eine unmögliche Aufgabe, eine Beziehung zu haben, aber dann muss es auch noch eine Frau sein .. wie das?

Stunden habe ich weinend in meinem Zimmer gesessen und mich vor allem sehr einsam gefühlt. Ich hatte das Gefühl, nirgends mit meinem „Problem“ hingehen zu können. Ich kannte niemanden, der mit den gleichen Gefühlen zu kämpfen hatte und dachte, dass ich die einzige war. Und vor allem dachte ich, ich sollte mich nicht so anstellen und das würde schon alles wieder vorbei gehen (what was I thinking?).

Sehr lange habe ich da so wenig wie möglich drüber nachgedacht, manchmal ließ ich die Gefühle und Gedanken wieder zu, um sie dann wieder eiskalt weg zu schieben. Ich war so enttäuscht von mir. Warum machte ich es mir selbst so schwer? Warum konnte ich nicht einfach „normal“ sein? Warum musste ich jetzt doppelt anders sein?

Eine lange Zeit wollte ich keine Gefühle für egal wen haben, aber nach einer kurzen Beziehung mit einer Frau war ich sicher. Es gab kein Zurück mehr. Dennoch nagte etwas an mir, das starke Gefühl, dass ich nicht anders sein wollte. Wenn ich hart versuchen würde, meine Gefühle zu ignorieren, dann würde das sicher vorüber gehen?

Ich habe aus Verzweiflung versucht mit einem schönen, süßen Kerl eine Beziehung einzugehen und habe mein allerbestes gegeben, verliebte Gefühle für ihn zu entwickeln. „Leider“ blieben die Schmetterlinge aus, egal wie hart ich versuchte, mein Bestes zu gegeben. Ich könnte auch weiterhin leugnen, was ich wollte, aber ja, das Fazit bleibt: Ich stehe wirklich auf Frauen. 

Es hat mich danach noch Monate von kämpfen, weinen, Einsamkeit und Unsicherheit gekostet, bevor ich endlich gewagt habe, ich selbst zu sein und meiner Neigung gegenüber offen zu sein.

In meinem Kopf war es so ein großes Problem, dabei ist es das in Wirklichkeit gar nicht. Kurz nachdem ich es für mich selbst angenommen habe, traf ich Anja. Sie nahm alle meine Unsicherheiten und lehrte mich, dass ich mehr bin als der  Rollstuhl und ja, ich zufällig auf Frauen stehe, aber who cares? Ich darf so sein. Mit meinem Rollstuhl und meiner Liebe für eine Frau ❤️

Wenn man nicht hinter den Schreibtisch passt

Über Barrieren in den Köpfen

Ich habe total lange überlegt, wie ich diesen Beitrag nennen kann, ohne diese abgedroschene Floskel zu nutzen, ich möchte sie aber auch nicht ganz weg lassen, denn es stimmt eben einfach. Und dass es sich bei diesem Ausdruck um eine abgedroschene Floskel handelt, zeigt auch sehr eindrücklich, dass es ein immer noch existentes Problem ist.

Die Geschichte, von der ich heute erzählen möchte, ist schon eine Weile her. Ich hatte es mal wieder gewagt, mich auf einen Job zu bewerben. Grund dafür: die Entfernung zu Daniel. In unregelmäßigen Abständen schaue ich in seiner Umgebung nach interessanten Stellenangeboten und fand zufällig eine Stelle im öffentlichen Dienst, die nach meinem Empfinden 100%ig zu mir und meiner beruflichen Vorerfahrung gepasst hätte. Kurzer Hand bewarb ich mich und wurde schon wenig später zum Vorstellungsgespräch eingeladen.

Im Vorfeld verlief alles sehr gut und freundlich. Ich wurde sogar einen Tag vorher angerufen, dass der Aufzug an der U-Bahn defekt sei und mir wurde erklärt, wo ich einen Behindertenparkplatz finde. Das Gespräch selbst war auch sehr angenehm und auf Augenhöhe. Bei der Begehung des Arbeitsplatzes zeigten sich dann jedoch Probleme. So wie das Büro eingerichtet war, passte ich mit dem Rollstuhl nicht hinter den Schreibtisch. Meine Gesprächspartner begegneten dieser Problematik sehr unbeholfen. Meine Assistentin und ich machten verschiedene Vorschläge, wie man den Tisch umstellen könnte, um mir Platz zu schaffen, die alle aber eher nicht ankamen. Möglicherweise hatten die beiden einfach nicht die „Kompetenz“ über eine andere Einrichtung zu entscheiden, das kann ich nicht beurteilen, es wurde aber auch keine andere Ansprechperson eingeholt oder sonstige Alternativen aufgeführt. Und so verließ ich das eigentlich positive Gespräch mit einem schlechten Gefühl.

Wenige Tage später erhielt ich dann eine Standardabsage, dass es viele gute Bewerber gab und ich leider nicht ausgewählt werden konnte. Aufgrund der Vorgeschichte fragte ich nach, ob ich ein persönliches Feedback bekommen könne. Ich begründete die Anfrage damit, dass es mein erstes Vorstellungsgespräch war, seit ich eine abgeschlossene Ausbildung habe und ich gerne für die Zukunft daraus lernen möchte. Mit keinem Wort ließ ich meine Vermutung durchblicken oder erwähnte eine Benachteiligung durch meine Behinderung.

Die Antwort hat mich in meinem Eindruck dann aber bestätigt, dass ich wegen der Platzproblematik ausgeschieden bin. Es gab genau einen Satz zum Gespräch und in diesem wurde sich für ein freundliches und interessantes Gespräch bedankt. Danach folgten zwei Absätze, die sich lesen wie dreimal durch die Rechtsabteilung geschickt. Zusammengefasst geht es darum, dass natürlich alle gesetzlichen Vorgaben bei Bewerbern mit Behinderung berücksichtigt wurden und die Auswahl allein auf Basis der Qualifikationen erfolgt ist. Dagegen kann man schlecht etwas sagen, denn nur weil ich mich für sehr qualifiziert für die Stelle hielt (und mein Umfeld übrigens auch), müssen die das noch lange nicht genauso sehen.

Zusätzlich verstärkt wurde der bittere Beigeschmack dann jedoch, durch ein eigentlich freundliches Angebot: Erstattung der Reisekosten. Im Vorfeld war ich noch darauf hingewiesen worden, dass Reise- und Übernachtungskosten nicht übernommen werden können und nun, weil ich die Standardabsage nicht geschluckt habe, also doch? Entschuldigung, aber dieses „Angebot“ kommt bei mir eher an wie Schweigegeld. Ich habe es natürlich trotzdem angenommen, denn eine finanzielle Entschädigung hatte ich mir durchaus verdient.

Ein paar Anekdoten aus meinem Leben mit den Behörden

Die Idee zu diesem Beitrag hat sich letztens auf Twitter ergeben und ich finde es ganz witzig, hier einfach mal ein paar Situationen aufzuschreiben. Das soll kein „Mecker-Beitrag“ werden, sondern lediglich ein bisschen erheitern und zeigen, dass manche Sachen nicht so einfach sind wie sie erst einmal erscheinen. Es folgen chronologisch unsortiert ein paar Geschichten:

BAföG Dortmund

Der Antrag lief schon einige Zeit und es dauerte und dauerte bis ich irgendeine Antwort bekam. Also bin ich irgendwann mal bei der Sachbearbeiterin vorbei gegangen, in ihrem Büro hing ein Spruch „Ich arbeite gründlich. Ich arbeite gewissenhaft. Ich nehme mir meine Zeit.“ Das sagt ja schon alles. Außerdem ist ihr dann erst aufgefallen, dass noch Formulare fehlten. Sinnvollerweise hat sie auch immer alles an die Adresse meiner Eltern geschickt, weshalb sich die ganze Beantragerei immer noch weiter verzögert hat.

Vorherige Krankenkasse

Die haben mir schon immer aus Prinzip erst einmal alles abgelehnt. Bei dem Antrag zu meinem letzten Rollstuhl führte das dazu, dass ich zwei Monate unselbständig in meinem Schieberollstuhl verbringen musste, da der eine E-Rolli irreparabel defekt und der andere noch nicht bewilligt waren. Wahrscheinlich bekam ich durch das schlechte Sitzen im Schieberolli dann eine Entzündung in der Hüfte, jedenfalls trat die genau in der Zeit auf.
Eine weitere Geschichte war der Antrag für meinen aktuellen Rollstuhl. Die elektrische Fußbrett- und Rückenlehnenverstellung sollte nicht genehmigt werden mit der Begründung, ich wäre in Pflegestufe 3 und somit wäre doch rund um die Uhr jemand da, der mir die Verstellungen per Hand erledigen kann. Abgesehen davon, dass ein Rollstuhl mir mehr Selbstständigkeit ermöglichen soll, hakt diese Begründung noch an anderen Ecken. Der Zeitaufwand für Pflegestufe 3 muss am Tag mindestens fünf Stunden betragen, wovon vier auf die Grundpflege entfallen, also alles weit entfernt von „rund um die Uhr“.

Aktuelle Krankenkasse

Ich stelle meistens in der ersten Jahreshälfte einen Antrag auf Zuzahlungsbefreiung. Ein Jahr habe ich als Antwort bekommen, dass mein Einkommen zu gering sei und ich doch bestimmt nicht davon leben könne. Dann wollte die Krankenkasse, dass ich eine genaue Aufstellung über Einnahmen und Ausgaben erstelle. Telefonisch konnte das dann geklärt werden, aber irgendwie war das schon die witzigste Krankenkassenpost, die ich je bekommen habe.
Im Moment ärgere ich mich mit denen um meine Familienversicherung. Es ist so, dass „Kinder“ altersunabhängig familienversichert bleiben können, wenn sie außerstande sind, sich selbst zu versorgen und eine Behinderung schon vor dem 25. Lebensjahr vorlag. Meine Krankenkasse sieht das ganze so: „[…] die Voraussetzungen für eine Familienversicherung nach Vollendung des 25. Lebensjahres [sind] nicht gegeben. Als Begründung ist dem Gutachten zu entnehmen, dass Frau E. trotz ihrer gesundheitlichen und körperlichen Beeinträchtigungen ein Studium absolviert hat. Zurzeit ist sie Vollzeitschülerin eines Berufskollegs und wird im Anschluss eine Ausbildung beginnen. Aufgrund dieser Tatsachen ist Frau E. in der Lage sich selbst zu unterhalten.“ Abgesehen davon, dass ich das Studium nicht absolviert, im Sinne von abgeschlossen, habe, sehe ich mich bis zum Beginn meiner Ausbildung durch meine Behinderung auch nicht in der Lage, mich selbst zu unterhalten. Für jemanden mit meiner „gesundheitlichen und körperlichen Beeinträchtigung“ ist es schon so schwer genug, einen Arbeitsplatz zu bekommen, aber für einen Aushilfs-/Gelegenheitsjob wird jemand wie ich erstrecht nicht eingestellt.

BAföG Köln

Ich gebe zu, dass ich für die ganz sicher kein alltäglicher Fall war. Behinderte Studierende mag es einige geben, aber dass dann auch noch während des Studiums der Vater erwerbsunfähig wird, ist sicher nicht so häufig der Fall. In einem Jahr musste ich einen Steuerbescheid meiner Eltern ganze dreimal einreichen, worauf ich einen Brief dazu legte, ob sie ihre Akten denn nicht vernünftig pflegen würden. Es kam sogar eine Entschuldig zurück.
Die ganzen Korrekturen und Anpassungen auf Papas Einkommen durch die Erwerbsunfähigkeit haben dazu geführt, dass ich fast jeden Monat einen neuen BAföG-Bescheid in der Post hatte und alle paar Monate eine Rückzahlung bekam, weil denen dann aufgefallen ist, dass mir doch mehr zusteht. So wurde mir sogar Anfang dieses Jahres, also ein Jahr nachdem ich mit dem Studium aufgehört hatte, nochmal BAföG überwiesen, weil sie mir für 2011 zu wenig ausgerechnet hatten.

Das war erstmal, was mir jetzt spontan eingefallen ist. Sicher wird es noch die ein oder andere Fortsetzung geben, also: stay tuned 😉

„Inklusion – Gemeinsam anders“ ein Film in der ARD

Gestern Abend lief in der ARD der Film Inklusion – Gemeinsam anders. ARD… das ist doch eine von den Sendern mit Bildungsauftrag, oder? Ja, genau das ist sie.  Und genau deshalb hatte ich gehofft, einen guten Film über das Thema Inklusion zu sehen. Mein Optimismus wurde bitter enttäuscht. Ich wüsste zu gerne, wie die „Vertreter aus dem Kreis der Menschen mit Behinderung“ des Rundfunkrats zu diesem Film stehen.

Für mich fing der Ärger nämlich schon damit an, dass ich in den ersten Minuten schon merkte, dass die beiden Schüler mit Behinderung von nicht-behinderten Schauspielern dargestellt wurden. Das war wohl schon im Vorfeld bekannt, ich hatte mich jedoch nicht weiter über den Film informiert, da ich ihn ohne Erwartungen oder Vorurteile ansehen wollte. Für mich ist es immer wieder unverständlich, warum man in Filmen oder Serien keine echten Menschen mit Behinderung vor die Kamera stellt, ich bin mir sicher, dass es unter ihnen schauspielerische Talente gibt. In einem Interview habe ich gelesen, dass ein entsprechendes Casting zu teuer gewesen wäre und zu viel Zeit in Anspruch genommen hätte. Nun, ich denke, wenn man häufiger Schauspieler mit Behinderung einsetzen würde, hätte man eine gut geführte Kartei, in der man schnell und ohne großen Mehraufwand passende Personen für einen Film finden würde, es müsste nur mal jemand anfangen.

Leider konnte der Film für mich auch inhaltlich dieses Manko nicht wett machen. Die Rollstuhlfahrerin Steffi wurde durch und durch unsympathisch gezeichnet und bediente viele Vorurteile. Sie war natürlich total frustriert von ihrer Behinderung und hat diesen Frust an ihrer gesamten Umgebung ausgelassen. Nachdem sie dann ihren Lehrer überredet, mit ihr Physiotherapie zu machen, freundet sie sich mit den Mitschülern an. Den Moment, wo sie ihre Wesensänderung durchmacht, habe ich irgendwie verpasst, ich habe nicht verstanden, warum die Mitschüler dieser Zicke noch eine Chance geben, wo ihre Bemühungen, sich mit Steffi anzufreunden, vorher immer im Keim erstickt wurden. Über die Darstellung ihrer Spastik kann ich nicht viel sagen, nur dass sie am Ende der Schulaufführung mal eben aufstehen konnte, war reichlich unrealistisch. Auch der geistigbehinderte Paul wurde mit Klischees beladen. Eigentlich ist er ein sehr sympathischer, sozialer Junge, aber wenn er gereizt wird, reagiert er schnell mit Brutalität. Seine Mutter benutzt ihn als Haushaltshilfe, während sie sich, unter dem Vorwand immer zu zur Arbeit zu müssen, mit ihrem Lover trifft.

Über die Inklusion hat dieser Film in meinen Augen ein ziemlich schlechtes Bild vermittelt. Die positiven Auswirkungen, die Inklusion auf die Schüler und somit auf die Gesellschaft haben kann, wurden fast gar nicht heraus gearbeitet. Stattdessen wurde ein Problem nach dem anderen thematisiert. Natürlich stimmt es, dass man Inklusion nicht mit der Brechstange von heute auf morgen umsetzen kann und ganz sicher wird Inklusion einen Haufen Geld kosten, allein schon, um die Schulen barrierefrei auszubauen. Das sollte aber doch kein Grund sein, sie für nahezu unmöglich zu erklären wie ich es bei diesem Film wahrgenommen habe. Ich denke, dieser Einsatz würde sich langfristig aufwiegen, denn wenn Menschen mit Behinderung erstmal in den Regelschulen angekommen sind und so Berührungsängsten und Vorurteilen schon im Kindesalter entgegen gewirkt wird, ist der Schritt auf den Arbeitsmarkt nicht mehr ganz so weit, womit dann wiederum mehr Steuerzahler da wären, um die Kosten für gelungene Inklusion aufzufangen.

„Ziemlich beste Freunde“ von Philippe Pozzo di Borgo

Nachdem ich den Film Ziemlich beste Freunde gesehen hatte, freute ich mich sehr, dass ich bei LOVELYBOOKS an der Leserunde teilnehmen durfte und das Buch gewonnen habe. Schon nach den ersten Kapitel fragte ich mich allerdings, wie aus so einem schweren, bedrückenden Buch ein so unbeschwerter, lebensfroher Film werden konnte. Bis zu letzt habe ich noch darauf gewartet, dass etwas von der Fröhlichkeit des Films im Buch auftaucht, ich wartete vergeblich.

Vielleicht hätte ich das Buch anders wahrgenommen, wenn ich den Film nicht gekannt hätte, allerdings wäre das immer noch kein Buch, dass mir sonderlich gefallen würde. Zum einen ist da der Erzählstil, der mir nicht zusagt. Es gibt sehr viele Zeit- oder Gedankensprünge, denen ich manchmal nicht sofort folgen konnte und die die ganze Erzählung ziemlich verworren machten. Mein größtes Problem hatte ich jedoch damit, dass Philippe fast die ganze Zeit erzählt, wie sehr er leidet und wie schlimm doch alles ist. Ja, er hat durchaus ein sehr schweres Paket zu tragen, nicht nur mit seiner eigenen Krankheitsgeschichte, sondern besonders auch mit der Krankheit seiner Frau. Wahrscheinlich nehme ich die ganze Geschichte auch aus meiner Situation heraus, dass ich selbst im Rollstuhl sitze und viel personelle Hilfe brauche, auch ganz anders war, als der Leser ohne Behinderung, ich weiß es nicht.

Für mich persönlich ist ein Leben mit Behinderung jedenfalls nicht so schwarz, wie es in diesem Buch vermittelt wird, sonders es kann – und sollte! – sehr bunt und lebhaft sein.

Chronologie einer Praktikumsanfrage

Ende Februar habe ich mit meinem Studium aufgehört, seither bin ich auf der Suche nach Ausbildungsplätzen, zeitgleich bemühe ich mich um Praktika, um die Zeit bis zu einem Ausbildungsbeginn sinnvoll zu nutzen. Wegen meiner Körperbehinderung sitze ich im elektrischen Rollstuhl und stoße daher in der Arbeitswelt häufig auf Ablehnung. Mit diesem Eintrag möchte ich mal erzählen, wie ich zuletzt von der Bundesagentur für Arbeit behandelt wurde, nachdem ich mich dort bei der Künstlervermittlung der Zentralen Auslands- und Fach-Vermittlung um ein Praktikum bewarb:

Am 29.05. erfragte ich per Mail, ob generell die Möglichkeit bestehe, ein Praktikum in der Künstlervermittlung Köln zu absolvieren. Ich erhielt am 03.06. diese Antwort

Grundsätzlich ist die Durchführung eines Praktikums möglich. Dieses sollte aber im Bereich der Künstlervermittlung mindestens 4 Wochen dauern.

Desweiteren besteht leider keine Möglichkeit von unserer Seite, dieses Praktikum zu vergüten.

Sollten Sie weiterhin an einem Praktikum in der Künstlervermittlung Köln interessiert sein, so bitte ich Sie um Zusendung Ihrer kompletten Bewerbungsunterlagen an unser virtuelles Postfach und der Benennung eines möglichen Zeitfensters. Wir geben Ihnen dann zeitnah eine Rückmeldung.

Da ich mit allen Bedingungen einverstanden war, schickte ich noch am selben Tag meine Bewerbung an die ZAV.

Wenige Tage später erhielt ich einen Anruf, da noch offene Fragen waren. Es ging um den zeitlichen Rahmen meiner Verfügbarkeit und um die Software, die ich zum Schreiben am PC nutze. Bis zum 21.06. hörte ich dann nichts mehr, so dass ich mich per Mail über den Stand meiner Bewerbung erkundigte. Am folgenden Tag bekam ich die wenig aussagekräftige Antwort, dass man mir noch nichts endgültiges mitteilen könne.

Am 29.06. erhielt ich dann einen Anruf der Behindertenvertretung. Der Aufzug bei der Künstlervermittlung sei defekt und sie wollte sich erkundigen, ob man mich tragen könne. Mit einem 150-Kilo-schweren E-Rollstuhl ist das natürlich nicht drin. Man habe keinen Einfluss auf die Reparaturarbeiten und wisse nicht, ob und wann der Aufzug wieder funktionieren würde. Man schlug mir vor, mich statt bei der Künstlervermittlung in einem anderen Bereich einzusetzen. Ich war von der ganzen Aussage erstmal überrumpelt und so willigte ich ein.

Am nächsten Tag jedoch schrieb ich direkt eine Mail, dass ich im Rahmen meiner Verfügbarkeit noch bis zu drei Wochen auf die Reparatur des Aufzugs warten könne. Eine Woche später erhielt ich folgende Antwort

Selbstverständlich kann ich nachvollziehen, daß ein Praktikum in der Künstlervermittlung für Sie absoluten Vorrang hat und natürlich sollte ein defekter Aufzug dem nicht im Wege stehen.

Leider haben wir aber keinen Einfluß auf evtl. Reparatur- oder Instandsetzungsarbeiten – zumal auch die Sicherheit eines jeden Einzelnen damit zusammenhängt.

Ich habe Ihre Anfrage weitergeleitet und werde Sie sofort unterrichten, sobald ich Näheres erfahre.

Damit musste ich mich dann wohl zufrieden geben und so wartete ich darauf, in einer anderen Agentur eingesetzt zu werden. Bis heute habe ich übrigens nicht verstanden, warum die Reparatur die Sicherheit aller gefährdet…

Am 12.07. erhielt ich dann eine endgültige Absage für alle Bereiche.

Wir haben alle Möglichkeiten geprüft. Leider können wir Ihnen kein Praktikum ermöglichen.

In der Bundesagentur für Arbeit darf grundsätzlich nur Software eingesetzt werden, die durch die Bundesagentur für Arbeit getestet und zertifiziert wurde. Dies ist, nach Rücksprache mit dem IT-Bereich, im Fall der von Ihnen benötigten Software leider nicht möglich.

Daher können wir Ihre Bewerbung als Praktikantin leider nicht berücksichtigen.

Ich bedauere, keine für Sie günstige Nachricht geben zu können und wünsche Ihnen für Ihre weitere berufliche Zukunft alles Gute.

Mir kam das alles ziemlich komisch vor. Ich glaube gerne, dass der Aufzug defekt war, aber kann es wirklich sein, dass die Reparatur mehr als einen Monat Zeit beansprucht oder sollte die Zeit überbrückt werden, bis ich nicht mehr verfügbar gewesen wäre? Und die Sache mit der Software, ich glaube, nachdem ich das mit dem Aufzug nicht ganz hinnehmen wollte, musste eine neue Begründung her, die mich als Praktikantin am besten für alle Abteilungen zugleich ausschließt. „Dasher“ ist ein sehr schlankes Programm, ich halte es durchaus für möglich, dass die IT-Abteilung dieses zertifizieren könnte, womit nicht nur mein Praktikum hätte ermöglicht werden können, sondern auch für nachfolgende behinderte Bewerber eine weitere Eingabesoftware zur Verfügung gestellt würde.

Den gesamten Vorgang schilderte ich dem Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales NRW am 13.07. per Mail. Knapp eine Woche später bekam ich diese Antwort

Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass die von Ihnen geschilderten Vorgänge von Ihnen als äußerst unbefriedigend empfunden werden. Allerdings kann ich zu dem von Ihnen geschilderten Sachverhalt nicht Stellung nehmen, da es sich hier um eine interne Angelegenheit der Bundesagentur für Arbeit handelt. Bei der Bundesagentur für Arbeit (BA), einschließlich der nachgeordneten örtlichen Agenturen für Arbeit und auch der ZAV handelt es sich um eine bundesunmittelbare Körperschaft des öffentlichen Rechts mit Selbstverwaltung. Die Rechtsaufsicht führt das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) in Berlin. Das Land Nordrhein-Westfalen hat keinerlei Aufsichtsbefugnisse über die BA und kann deren Entscheidungen nicht beeinflussen. Ich bitte daher um Ihr Verständnis, dass ich zu den von Ihnen geschilderten Vorkommnissen aus diesem Grund keine Stellungnahme abgeben kann. Sofern Sie damit einverstanden sind, würde ich Ihr Schreiben gerne an die Zentrale der BA – Kundenreaktionsmanagement – in Nürnberg weiterleiten. Ich bedauere, dass ich Ihnen darüber hinaus keine weitere Hilfestellung anbieten kann und hoffe, dass das Kundenreaktionsmanagement der BA in Nürnberg zu einer Klärung der Angelegenheit beitragen kann. Bitte teilen Sie mir kurz per Email mit, ob Sie mit der Abgabe an die BA einverstanden sind. Für Ihre berufliche Zukunft darf ich Ihnen alles Gute wünschen.

Selbstverständlich willigte ich der Weiterleitung ein, obwohl mir schon da klar war, dass es nichts bringen wird. Zeitgleich schickte ich daher dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales meine Nachricht. Von dort habe ich bisher keine Antwort erhalten.

Gestern, am 10.08., erhielt ich dann per Post ein Schreiben von der ZAV. In diesem wird mir der Vorgang nochmal aus Sicht der ZAV geschildert, im Grunde handelt es sich lediglich um eine umformulierte Version meiner Beschwerde. Ergänzt wird das ganze dann noch mit weitschweifigen Ausführungen

Die Einführung bzw. Nutzung einer Sondersoftware stellt einen immensen Aufwand dar, auch wenn es sich hierbei lediglich um ein Programm handelt, welches nur geringen Speicherumfang besitzt und kostenfrei ist. Bei dem EDV-System der Bundeagentur für Arbeit (BA) handelt es sich mit weit über 100.000 Arbeitsplatzrechnern um eines der größten IT-Netzwerke Europas mit einem immensen Portfolio an enthaltenen Produkten. Leider gehört die Software „Dasher“ nicht bereits zur vorhandenen Kollektion. Neue Produkte benötigen einen zentral gesteuerten Prozess der Zertifizierung um die IT-Sicherheit und Lauffähiokeit des vernetzten Systems nicht zu gefährden. Dieser Prozess nimmt einige Zeit in Anspruch. In sofern führt eine Abwägung zwischen Aufwand für den Zertifizierungsprozess und Nutzen für ein 4-wöchiges Praktikum leider zu einer Ablehnung des Zertifizierungsprozesses. Zudem reichte in lhrem Fall die Zeit bis zu lhrem geplanten Praktikum nicht aus, um die Zertitifizierung zeitgerecht bis zu ihrem Arbeitsbeginn umzusetzen.

Derzeit sind 11,8 % aller Arbeitsplätze der Zentralen Ausland- und Fachvermittlung (ZAV) von schwerbehinderten oder gleichgestellten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern besetzt. Insofern stellt eine Schwerbehinderung wie sie bei Ihnen vorliegt, keinen Hinderungsgrund für ein Praktikum dar, auch wenn wie im vorliegenden Fall leider die zusätzliche Hürde eines defekten Personenaufzuges im Dienstgebäude der Künstlervermittlung Köln eingetreten ist.
[…]
Ausschlaggebend für die letztendliche Praktikumsabsage war jedoch einzig und allein die Tatsache, dass Sie die von Ihnen benötigte Software „Dasher“ unter den gegebenen Umständen und Rahmenbedingungen für ein Praktikum nicht nutzen können.

lch wünschen Ihnen für Ihre Zukunft alles Gute und viel Erfolg bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz.

Es wird also nicht weiter auf mich eingegangen, ebenso wenig bietet man mir an, einfach eine andere Software zu nutzen, die bereits zertifiziert wurde. Außerdem verstehe ich nicht, warum erst die Aufzug-Geschichte vorgezogen wurde, obwohl doch von Anfang an klar war, dass ich eine spezielle Software benötige. In der Zeit vom 3. bis 29.06. hätte man doch die Zertifizierung schon einleiten können, anstatt mich erst mit einem defekten Aufzug abzuspeisen.

Ich dachte, gerade im öffentlichen Dienst würden Menschen mit Behinderungen bessere Chancen haben. Scheinbar nicht bei der Bundesagentur für Arbeit. Schade!