Ein Jahr

Für meinen Panda-Schatz. Danke, dass es dich gibt und für das wunderschöne Jahr mit dir. Auf dass es noch lange Zeit so etwas Besonderes zwischen uns bleiben wird!

Ein Jahr
Voll Glück und etwas Unzufriedenheit
Freude und ein wenig Traurigkeit
Zuversicht und kleiner Zweifel
Entschlossenheit und leiser Unsicherheit
Lachen und weinen
Von verstehen und verwirrt sein
Sich schön fühlen und unzulänglich
Begehrt und uninteressant
Ein Jahr, das mich so tief berührte wie keines zuvor

Aber genug der Poesie, möchte ich doch von einem persönlich ganz besonderen Jahr erzählen. Was begann Anfang Juni 2013? Nun, eigentlich muss ich noch ein paar Wochen weiter ausholen, denn ins Rollen kam alles bereits im April, als mich die Langeweile und „innere Einsamkeit“ in einer Verzweiflungstat mal wieder auf handicap-love.de trieb. Für gewöhnlich ist mein Deppenmagnet dort sehr stark und nach spätestens zwei, drei Mails verliere ich das Interesse an einer länger andauernden Unterhaltung, weil mir der Gesprächspartner unsympathisch, suspekt oder zu dumm ist. Doch an diesem Abend kontaktierte mich jemand, der gänzlich anders war.

Schon diese erste Unterhaltung dauerte einige Zeit an und wurde nur dadurch beendet, dass ich ins Bett musste, weil am nächsten Tag die Schule rief. Doch einfach so wollte mich mein Gesprächspartner, nennen wir ihn im Folgenden Daniel, nicht gehen lassen und so schickte er mir seine Handynummer, damit ich ihn per Nachricht kontaktieren könne, wenn mir danach sei. So begann mein erster innerer Kampf. Sollte ich es wagen und den Kontakt via Handy suchen? Ich war sehr unsicher, schließlich erwartete ich immer noch, dass es sich letztendlich bloß um einen weiteren Idioten handelte. Aber die Neugier, auf diesen interessanten Menschen und wie sich der Kontakt weiter entwickeln würde, siegte und ich konnte mich dazu durchringen, Daniel eine Nachricht zu schreiben. Das war der erste Schritt zu einer wunderbaren Freundschaft, die durch eine Tiefe gekennzeichnet ist, welche ich bisher nicht kannte und sich, auch wenn es oft schwer ist, durch eine Entfernung von mehr als 500 km nicht hemmen lässt.

So vergingen einige Wochen, in denen wir fast jeden Tag miteinander schrieben und das zarte Band zwischen uns immer fester knüpften. Allerdings muss ich zugeben, dass ich gerade in dieser Anfangszeit von Daniels Komplimenten und Zuneigung, aber auch besonders von dem, was ich fühlte, häufig verwirrt und überfordert war. Wie konnte er mich hübsch finden, nur von Fotos und mit all den „Besonderheiten“ meines Körpers? Warum sollte jemand mich als schön ansehen? Wie war es eigentlich möglich, dass er mir in der kurzen Zeit so wichtig geworden war? Wir kannten uns doch eigentlich kaum. Dieser Zustand der Verwirrung griff sogar auf meinen Alltag über, ich vergaß die Hälfte beim Einkaufen oder verplante lang verabredete Termine. Den Höhepunkt geistiger Umnachtung fand ich aber wohl an dem Abend, wo Daniel mich fürs Gute Nacht sagen anrief. Ich kann mich bis heute noch nicht wieder richtig daran erinnern. Ich weiß nur noch, dass ich innerlich ganz aufgewühlt, kribbelig und warm vor Glückseligkeit war und mich fühlte, als würde ich mit einem einbetonierten Dauergrinsen zu Bett gehen. Das war der ideale Zeitpunkt, um meine beste Freundin Heike ins Vertrauen zu ziehen, denn eins war selbst mir mittlerweile klar, hier ging es über eine belanglose Mailfreundschaft schon lange hinaus und ich erzählte ihr von meiner „Verliebt(wirrt)heit“.

Für Daniel und mich stand dann nach zwei Monaten, und hier sind wir bei Juni 2013, der nächste Schritt fest. Wir wollten uns endlich persönlich kennenlernen, das heißt, ich war mir zunächst nicht sehr sicher, ob ich das wollte. Ich rede ja bekanntermaßen nicht gerne und er sagte von sich auch, dass er eher ruhig ist. Wie sollte das nur ohne peinliches Schweigen gut gehen? Würden wir uns in der Realität überhaupt so gut verstehen wie bisher in unserer Schriftwelt? Wie wird er mit meiner Behinderung zurecht kommen, wenn er sie im Alltag miterlebt? Würde unsere Freundschaft bestehen können, wenn es real nicht „funkt“? Das war die allergrößte Angst, mit einem Treffen alles aufs Spiel zu setzen. In „schlechten Phasen“ habe ich mich auch gefragt, ob es nicht sein könnte, dass er ganz anders ist als er vorgibt und mir möglicherweise etwas Böses will. Die besorgten Ermahnungen meiner Mutter haben dabei nicht gerade geholfen. Doch auch in diesem Punkt siegte wieder die Neugier, wohin es führen würde, wenn ich diese neue Erfahrung einfach zulasse. Ich war voll Vertrauen, dass alle Bedenken gänzlich unbegründet waren.

So kam es vom 9. bis 13. Juni 2013 zu den ersten von bisher insgesamt 28 (viel zu wenig!) gemeinsamen Tagen. Je näher das Treffen rückte, desto nervöser wurde ich. Was mache ich mit der Assistenz? Natürlich sollte sie sich nach nebenan setzen, damit wir unseren Freiraum haben, aber würde es trotzdem komisch sein, eine unbeteiligte dritte Person in der Wohnung zu wissen? Und was sollte ich bloß anziehen? Letztlich lief selbstverständlich alles viel besser als befürchtet. Die Assistentinnen zogen sich verständnisvoll und diskret zurück, sodass wir von deren Anwesenheit kaum etwas mitbekamen. Lediglich wenn sie zur Toilette wollten, meine Wohnung ist da leider etwas unglücklich aufgeteilt, mussten sie kurz bei uns vorbei, aber damit konnten wir ganz gut umgehen. Dennoch war bald klar, dass wir die Assistenz bei zukünftigen Treffen mehr ausklammern und ich Daniel die Pflege übernehmen lassen würde.

Ich könnte jetzt natürlich in dieser Ausführlichkeit von den vergangenen 365 Tagen mit all ihren wundervollen Hochs und ein paar Tiefs erzählen, aber so ganz alles von uns preisgeben möchte ich nicht, außerdem würde das diesen Eintrag schier ins Unendliche treiben. Stattdessen werde ich jetzt einfach noch ein bisschen von diesem und jenem erzählen, ganz wie es mir in den Sinn kommt. Das heißt, es könnte ab hier ein wenig chaotisch zugehen und vielleicht auch etwas kitschig. Erstmal gibt es jetzt aber ein Bild von uns:Neues BildDas ist er, mein Liebster mit dem hübschen Gesicht und den schönen, liebevollen, warmen Augen. Er hat aber selbstverständlich auch eine ganz tolle Persönlichkeit. Er ist nämlich sehr einfühlsam und geduldig und, wenn er könnte, würde er mir wohl fast jeden Wunsch erfüllen. Ihm ist wichtig, dass ich glücklich und zufrieden bin, auch wenn das bedeutet, mit mir einen Disney-Film zu sehen oder sogar das DFB-Finale für einen Musical-Besuch zu verpassen. Durch Daniel lerne ich mich aber auch selbst nochmal ganz neu kennen. Seine Komplimente und Zuneigung zeigen mir, dass ich auf meine Weise attraktiv, anziehend und begehrenswert sein kann. Das tut natürlich meinem Seelchen ungemein gut. Er sieht alles mit einer Unbeschwertheit und Leichtigkeit, dass man es kaum glauben kann. Wenn ich bei irgendetwas Hilfe benötige oder etwas nicht kann, unterstützt er mich ohne Wenn und Aber mit größter Selbstverständlichkeit. Dadurch konnten wir auch schon kleinere und total schöne „Abenteuer“ erleben, wie der Aufstieg auf die obere Aussichtsplattform des Olympiaturms oder der Tag in der Claudius Therme. Hoffentlich wird es noch viele solcher gemeinsamen Abenteuer zu bestreiten geben, denn es ist immer wieder toll, gemeinsam etwas erlebt und „geschafft“ zu haben.

Ich wünsche jedem so einen Herzensmenschen, denn das Leben ist so viel schöner, wenn man jemanden hat, der so mit einem umgeht und einfach „da“ ist.

2 Gedanken zu „Ein Jahr“

  1. Ach Melly, das macht einem doch Hoffnung. Ich freu mich für dich und hoffe, dass es euch noch laaange so gut zusammen geht=)

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